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Blatt 011  
ROLF SCHULTE hildesheimer miszellen
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Der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND)
machte im April 2006 in Hildesheim
auf ein  wissenschaftliches Projekt, d
as 'Schmetterlings-Monitoring Deutschland' aufmerksam.
Dafür wurden vom Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle ehrenamtliche Zähler gesucht, die das
Vorkommen von tagaktiven Schmetterlingen unter vorgegebenen Bedingungen registrieren.
Entomologen mußten sie nicht sein.
Ausschlaggebend bei einem solchen Monitoring ist unter anderem ein als Transekt definierter Beobachtungsort.
Meine Bitte einen Feldweg
nahe dem Kloster Marienrode als Transekt für ein Tagfalter-Monitoring anzuerkennen,
fand Akzeptanz.
Intern nenne ich diesen Weg, die Beobachtungszone, Elsbeerweg, denn dort steht ein alter Elsbeerbaum (Sorbus torminalis). Er führte einst zu einem Steinbruch.

Transekt-Daten




Transekt-Name und -Nummer

Bei dem Beobachtungsort handelt es sich um einen land- und forstwirtschaftlich relativ wenig benutzten Feldweg in der Nähe des Klosters Marienrode. In Anlehnung an den dort vorkommenden Baumbestand wird er inoffiziell Elsbeerweg genannt. Die registrierte Transekt-Bezeichnung  des Umweltforschungszentrums Leipzig-Halle (UFZ) ist NI-3825-02. Dabei stehen die Buchstaben NI für Niedersachsen. Die vierstellige Zahl weist auf die topographische Karte 1:25000 (Blatt Hildesheim) hin, dann folgt die vom örtlichen Koordinator des Monitoring-Projekts in Übereinstimmung mit dem UFZ vergebene laufende Nummer.



Geographische Lage
Der tiefste Punkt  des Elsbeerwegs liegt an der nördlichsten Ecke der Egloffstein-Straße in 31139 Hildesheim, OT Marienrode, etwa 140 m üNN. Der Weg führt einen nach SSO exponierten seichten Hang hinauf und geht nach 200 m in einen Waldweg über. Dort am Waldsaum beträgt die Höhe etwa 155 m üNN
.
Die beiden Endpunkte des Feldweges sind durch die Koordinaten R3562 310, H57 74 155 und R35 62 280, H57 74 310 definiert.  Die als Transekt festgelegte Strecke beträgt 200 m, unterteilt in vier gleichlange Abschnitte. Einzelheiten  auf separater  Seite.

 

LandschaftGrundlage der Abb.:
Topographische Karte 1:25000,  Blatt 3825 







Falter und Bestimmung der Arten



Tagfalter zu bestimmen, ist für Laien nicht immer ganz einfach. Der am Elsbeerweg fotografierte Resedafalter, ein Weißling der Gattung Pontia, gehört entweder der Art P. edusa oder P. daplidice an. Eine genaue Bestimmung muss Fachleuten vorbehalten bleiben.  Deshalb dürfen beim Schmetterlings-Monitoring auf dem anerkannten Erfassungsbogen bestimmte Arten zu einer Gruppe zusammengefasst werden. Der Resedafalter wurde unter dem Begriff  Pontia edusa /dapldice-Komplex eingetragen.

Die gemeinhin als Kohlweißling angesprochenen Schmetterlinge, gehören drei Arten an. Beim Monitoring dürfen sie unter der Bezeichnung
Pieris brassicae /rapae /napi subsumiert werden, denn im Flug lassen sie sich zumeist nur selten bestimmen, müssen aber dennoch gezählt werden. Nur in Ruhestellung  lassen sich die drei Arten relativ leicht unterscheiden.

Dass nicht alle Bläulinge ihren deutschen Namen zu recht tragen, und ihre Weibchen am allerwenigsten, lernt der interessierte Laien-Entomologe schnell durch Lektüre von Bestimmungsbüchern*, besser noch durch gezielte Recherchen in weiterführender Literatur.
Bei etwa 20 Arten zeigen die Männchen eine auffallende blaue Flügeloberseite. Andere sind braun, die Weibchen zumeist sowieso. "Erwischt" man einen Bläuling in Ruhe,  lässt er sich - sowohl mit ausgebreiteten, wie mit zusammengefalteten Flügeln, einigermaßen leicht bestimmen. Flattern er als unruhiges Vögelchen von Blüte zu Blüte, hat der Laie
bei seiner Zählung kaum eine andere Möglichkeit als den Begriff Bläuling  zu notieren. Manchmal kann der Einsatz eines Fotoaparats hilfreich sein. Denn oft  ist eine Bestimmung der Arten selbst anhand schlechter Fotos möglich. 

Resedafalter (Pontia edusa / daplidice), Elsbeerweg 07.07.2006


weibl Bläuling Bläuling
Sonnenröschen-Bläuling (Polyommatus agestis / artaxerxes) mit fast geschlossenen (gefalteten) Flügeln auf Waldrebe (Clematis vitalba), Elsbeerweg 25.07.2006



*  J. SETTELE, R. STEINER, R. REINHARDT, ea.: Schmetterlinge, Die Tagfalter Deutschlands, Ulmer Naturführer, Stuttgart 2005
    Hervorragende Informationen zur Bestimmung bietet das von Walter Schön betreute "Portal für Schmetterlinge / Raupe"
    http://www.schmetterling-raupe.de




 Beobachtungen am Rande




Seit Beginn der Schmetterlingszählung am  Elsbeerweg richtete sich mein Interesse auch auf die dort wachsenden Pflanzen. Darüber hinaus erregten Lebewesen vielfältiger Art meine Aufmerksamkeit.
Waldeidechse und Blindschleiche ließen sich sehen, wollten sich aber nicht fotografieren lassen.  Dagegen
erlaubten eine zum Fotografieren erforderliche Annäherung aber die langsamen Mollusken. Neben der allgemein bekannten Weinberg-Schnecke fiel eine mir bis dahin unbekannte Art auf. Sie besitzt ein spitz zulaufendes relativ transparentes Gehäuse. Sie wurde schließlich als Bernsteinschnecke  erkannt.

Bernstein-Schnecken (Succineidae) sind vorwiegend im Uferbereich von ruhigen Gewässern (Gräben, Teichen) zu erwarten. Der Elsbeerweg liegt an einem trockenen und warmen Südhang des Klingenbergs. Was hat eine solche  Schneckenart dort zu suchen? Es gibt dort keine Gräben, geschweige denn Rinnsale.

Das Gelände oberhalb des Elsbeerwegs wird im wesentlichen nach Osten hin entwässert. Das nächstgelegene offene Gewässer, der Mühlenteich nahe der Klosterkirche, liegt etwa 500 m südlich und fast 20 m tiefer als der Fundort der Schnecke.

Wie gelangt eine zumeist uferbewohnende Schneckenart so hoch auf einen trockenen Südhang?

DistelDistelBlüte der Nickenden Distel (Carduus nutane);
Weinbergschnecke (Helix pomatia), juvenil, auf Brennesselblatt


BernsteinSchnecke
Bernsteinschnecke (Succinea putris / pfeifferi)



 
 Elsbeerbaum - Sorbus torminalis
 


 v.l.n.r: Baumgruppe am Elsbeerweg,  Blätter und Blütenknospen,  Blüten 15.05. 2006,  Elsbeeren 16.08.200. 

BauminselElsber_Blatt_BlütenknospeElsbeerbaumBlütenElsbeer_Frucht



Auf der "Bauminsel", wie ein ortsansässiger Landwirt den kleinen Hügel am Elsbeerweg nennt, steht ein alter Elsbeerbaum. Er bildet zusammen mit zwei Linden eine markante Baumgruppe, die von Buschwerk umgeben, eine kleine Erhebung innerhalb der Ackerflur Schiefe Reihe charakterisiert.

Die Baumgruppe ist im Rahmen einer Verordnung der Stadt Hildesheim als Naturdenkmal registriert.1)
Demzufolge stehen die drei Bäume und ihr direktes Umfeld, die Fläche im Kronenbereich, unter besonderem Schutz.

Noch vor wenigen Jahren sah man die kleinere der beiden Linden von der alten Elsbeere überragt. Dann zerbrach ihre Krone und seither prägen hauptsächlich die beiden Linden die Bauminsel.
Vom herabgestürtzten Teil der Elsbeerkrone existieren noch immer die massivsten Teile. An Boden liegend, sind sie inzwischen
von einer Krautschicht und von jungen Sträuchern überwuchert. Der Hauptast besitzt nahe der Bruchstelle eine Stärke von rund 40 cm. Deutlich mehr misst der Stamm in Brusthöhe (BHD) 60cm . Diese Zahlen zeigen, welche Einbuße die Baumkrone durch Windbruch erlitt.

Aus der Literatur ist zu entnehmen, dass sich die Elsbeere durch Wurzelsposse verjüngt. Die Verbreitung  durch Früchte tritt dagegen fast völlig in den Hintergrund.2) Auf der Bauminsel in Marienrode wachsen erfreulicher Weise bereits mehrere junge Elsbeerbäume heran. Manche sind schon arm- andere erst fingerdick. 

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ElsbeerbaumstammElsbeerbaum, Stamm (60 cm BHD) mit Bruchstelle der Hauptverzweigung (Foto Dez. 2006)

Bauminsel"Bauminsel" von NW (vom Baccenroder Stieg)  gesehen (Foto 3. Dez.2006)



 
Verfüllter Steinbruch



Die Form des Hügels, der sich innerhalb der Feldflur als Bauminsel abzeichnet, verlangt nach einer Erklärung, denn den Eindruck einer natürlichen Entstehung vermittelt sich dem aufmerksamen Beobachter nicht.

Die Erhebung als Standort einer längst vergessenen Windmühle betrachten zu wollen, ist mit dem Alter des Baumbestands nicht vereinbar. Somit  ist eine andere Erklärungen für die Entstehung der Erhebung zu suchen. Dabei bietet die Geologischen Karte 1:25000, Blatt Hildesheim, einen entscheidenden Hinweis. Sie zeigt, dass der Elsbeerweg um 1930 zu einem Steinbruch führte. Weil noch heute die schmale Zone des Muschelkalks (mo1), auf dem der Weg verläuft, durch Kalksteinschutt geprägt ist, sei folgende Hypothese erlaubt:
Der Transport des Steinmaterials, das möglicherweise auch für die Umfassungsmauer des heutigen Klostergartens und anderer Bauten Verwendung fand, erforderte eine Verladerampe. Möglicherweise aufgeschüttet mit dem Abraum des Steinbruchs, führte diese hypothetische Rampe zur Ausbildung der heutigen Erhebung.

Der offenbar seit vielen Jahren verfüllte Steinbruch ist im oberen Bereich mit Vogelkirsche (Prunus avium) aufgeforstet und erst vor wenigen Jahren von einer gegen Wildverbiß schützenden Umzäunung befreit worden. Weitere Auffüllungen des einstigen Steinbruchs sind mit Rubus überwachsen und die jüngsten Verfüllungen, bestehen aus verrottem oder verbranntem Baumschnitt und eingebrachten Gartenabfällen. Sie sind seit Jahren überwachsen und  bilden  inzwischen eine dichte, kaum begehbare Kraut- und Gebüschzone.
Einige sich hier ansiedelnden Pflanzen (
z.B. Schilfrohr,) lassen vermuten, dass hier Schlamm des Marienroder Mühlenteichs zur Ablagerung kam. Somit findet das Vorkommen der oben gezeigten wasserliebenden Schneckenart vielleicht eine einleuchtende Erklärung.
Die unverzeihliche Unart einiger Anwohner von Marienrode oder dem nahem Neuhof, am Elsbeerweg Gartenabfälle zu entsorgen, ist zwischen 1986 und 1988 mehrfach beobachtet worden.

geolKarteGrundlage: Geologische Karte von Preußen, Blatt Hildesheim Nr. 2090


Kalksteinschutt auf dem Weg zum einstigen Steinbruch und
Weinbergschnecke, Helix pomatia, Foto 25.05.2006

Schilfrohr
Gem. Schilfrohr, Phragmites australis, zeugt von Schlammablagerungen, die aus dem Marienroder Mühlenteich stammen, Foto 11.8.2006








Anmerkungen:

Schmetterlings-Monitoring ist ein wissenschaftlich angelegtes Projekt, das die Mitarbeit von Laien-Beobachtern einbezieht. Seine Auswertung soll eventuelle zeitliche Veränderungen der Artenvielfalt und Verbreitung von Tagfaltern aufzeigen.
Das aktuelle Schmetterlings-Monitoring Deutschland beruht auf einer bereits vor 30 Jahren vorwiegend in England angewandten und inzwischen modifizierten Methode. Dabei spielt
eine landschaftlich-vegetationsbezogene Klassifizierung des Beobachtungszone eine gewisse Rolle, mehr noch die Normierung des zu beobachtenden Raums.
Ein Projektbeschreibung finden Sie unter  http://www.tagfalter-monitoring.ufz.de und unter der Anschrift Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung GmbH - UFZ, Wissenschaftstransfer
Permoserstr. 15, 04315 Leipzig

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Bei dem Beobachtungsraum, Transekt genannt, handelt sich um eine Strecke von 50 m, oder ein Mehrfaches davon, die der Zähler regelmäßig langsam (innerhalb einer Bestimmten Zeit) abschreitet. Breite und Höhe des Transekts betragen jeweils 5 m. Alle innerhalb dieses Raums beobachteten tagaktiven Schmetterlinge werden nach Anzahl und Art getrennt in einem Erfassungsbogen eingetragen.
Die so erfassten Daten, ergänzt durch Angaben über Bewölkungsdichte, Windstärke und Lufttemperatur gibt der Zähler an das Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle zur Auswertung weiter.
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Endnoten:

1) Verordnung zur Sicherung von Gehölzen als Naturdenkmal in der Stadt Hildesheim (2004).   [back] 

2) SCHMELING, W. Kausch-Blecken von: Der Speierling, o.O. 2000;  Die Elsbeere, o.O. 2006.  [back] 






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